Der Künstler, eine Heldenfigur? – Vorbemerkungen


Katharina Helm, Hans W. Hubert,

Christina Posselt-Kuhli und Anna Schreurs-Morét


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Reicht das künstlerische Schaffen – vielleicht sogar ein einzelnes Kunstwerk – aus, um als ›Held‹ in die Weltgeschichte einzugehen? Diese Frage, die sich aus der Beschäftigung der Herausgeber mit Phänomenen der Heroisierung im Rahmen des Freiburger SFB 948 »Helden – Heroisierungen – Heroismen« ergab, scheint auf den ersten Blick irritierend. Entgegen dem heutigen Trend, jede herausragende Tat oder jedes siegreiche Auftreten mit einem Heldenstatus zu ehren, zielen wir aber gerade nicht darauf, einzelne Künstler als Helden zu verklären; das Fragezeichen im Titel soll dies betonen. Damit wollen wir zugleich der Vorstellung eines Heldenstereotyps kritisch begegnen und vielmehr den Konstruktionscharakter, die Heroisierung, hervorheben, denn Helden gibt es nicht per se, Helden werden gemacht.


Wenn seit Beginn der Kunstgeschichtsschreibung einige Persönlichkeiten aus der Menge der Künstler wie Leuchttürme herausragen und meist über Jahrhunderte fortlaufend zu Vorbildern erkoren wurden, kann beobachtet werden, dass ihre Vorrangstellung mit Methoden und Formen erreicht wurde, die sich mit Heroisierungsstrategien in anderen Bereichen der Gesellschaft, etwa bei Kriegshelden oder Herrschern, sehr gut vergleichen lassen. Zudem lässt sich die Verherrlichung des Künstlers als ›divino‹ (›göttlich‹) durch die Jahrhunderte hindurch beobachten: Das Epitheton ›gottgleich‹ konnte im Sinne der Schöpferkraft sowie als christliche Nachfolge ausgedeutet werden bzw. durch das Leben des Künstlers (als leidender Künstler, der sich für die Kunst aufopfert) naheliegend sein.


Diese Formen der Vergöttlichung spiegeln sich ganz direkt in der Verehrung von Objekten in der Art von Reliquien (man denke an Dürers Locke oder die Entnahme von Knochensplittern bei der Graböffnung Raffaels). Die generell schwierige Abgrenzung von Heroisierung und Divinisierung tritt damit auch beim Künstlerhelden zutage – Epitheta des Göttlichen werden im modernen Ausstellungswesen fortgeschrieben, unlängst etwa in zwei Ausstellungen zu den »sterblichen Göttern Raffael und Dürer« sowie dem »göttlichen« Michelangelo. 1


Neben diesem Aspekt lässt sich in den Künstlerbiographien, wie bereits von Ernst Kris und Otto Kurz eingängig beschrieben, das ganze Repertoire an Heldenmustern erkennen: Herausragende Eigenschaften, Anekdoten über die singuläre Kindheit, große Verehrergemeinschaften und extraordinäres Wirken über den Tod hinaus. Eigenschaften wie Kampfgeist, Opferbereitschaft und Altruismus hingegen, die zumeist als notwendige Bedingungen des Heroischen erachtet werden, zeichnen zwar manchen ›Künstlerhelden‹ aus, sind jedoch nicht konstitutiv für das Künstlerdasein als solches und führen vor allem nicht zum Heldentod.


Aus diesen Überlegungen heraus formierten sich für uns, die Herausgeber, im Verbund mit den Vortragenden der sich über zwei Semester erstreckenden Ringvorlesung, die folgenden Fragen hinsichtlich der Heroisierung des Künstlers, auf welche die in diesem Band nun publizierten Beiträge – in der konkreten Zuspitzung auf ausgewählte ›Künstlerhelden‹ – einige Antworten geben möchten: Welche Taten, Werke, Talente oder Eigenschaften dienten dem jeweiligen Künstler dazu, die herausragende Stellung einzunehmen? Wer, wenn nicht nur er selbst, verhalf ihm zur hervorgehobenen Position in der Kunstgeschichte? Welche Medien wurden gewählt, um dem Künstler einen übergeordneten Platz im Kanon der Kunstgeschichte zu verschaffen? Und wem diente schließlich die Heroisierung des Künstlers: Welche höhergestellten Ziele wurden in den verschiedenen Ländern und Zeiten damit verfolgt?


Uns interessiert besonders, inwieweit Künstler durch ihre Werke und ihr Auftreten selbst aktiv an diesen Prozessen beteiligt waren, und in welchem Maße der Einfluss der Rezipienten, seien es Künstler, Dichter, Biographen, Kritiker, Akademien oder herrschende Eliten, die Ausformung bestimmter Heldenbilder bewirkte. Durch dieses Interesse und die sich daraus ergebenden Fragen, denen wir hier im Folgenden einige Bemerkungen zu unseren Voraussetzungen und Herangehensweisen voranstellen, hoffen wir, das breite Spektrum des Phänomens ›Künstlerheld‹ deutlich zu machen und zum weiteren Nachdenken anzuregen.

Habitus und Eigenschaften des Künstlerhelden


Was genau macht den Künstler zum Helden, wenn nun die ›klassischen‹ Qualitäten des Helden nicht zwingend konstitutiv für seinen herausgehobenen Status sind?

Bis heute wird Heldentum meist in seiner kämpferischen, oft auch kriegerisch-gewalttätigen Form wahrgenommen. Gleichwohl konnten neben den Taten des Kriegshelden viele andere herausragende Leistungen, die von Gemeinschaften als leitbildhaft und identitätsstiftend angesehen werden, zur Heroisierung von Personen führen. Poeten wurden schon im Hochmittelalter als nichtmilitärische Geistesgrößen und als Vertreter der artes liberales in diese Gruppe vorbildhafter und verehrungswürdiger Personen aufgenommen.


Da die Tätigkeit bildender Künstler bis in die Frühe Neuzeit den artes mechanicae, und damit einem niederen sozialen Stand, zugerechnet wurde, bestanden für die Künstler zunächst grundsätzliche Schwierigkeiten, Aufnahme in die Reihe der vorbildhaften Berühmtheiten zu finden. Doch mit der gesellschaftlichen Neubewertung der Künste, die zuerst in Italien mit Giotto einsetzte, ließ sich auch ihr Schaffen als bedeutsam und für die Gesellschaft Fortschritt bringend reklamieren. Künstler konnten dadurch – genauso wie Kriegshelden, Herrscher und Heilige, aber auch Dichter und Gelehrte – als berühmte Söhne eines Gemeinwesens verstanden werden und ihre identifikatorische Kraft entfalten.


Dabei spielte das Konzept der ut pictura poesis, also der Wettbewerb zwischen der Malerei und der Dichtkunst sowie das damit verbundene soziale Prestige, eine entscheidende Rolle. Diese sich im 14. und 15. Jahrhundert vollziehende Entwicklung legt somit Zeugnis von der Eigenwahrnehmung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen ab, in der schließlich auch heroisierte Künstler eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung spielten. Sie findet ihre Reflexion in der seit der Renaissance blühenden Gattung der Künstlerbiographik.


In diesen Lebensbeschreibungen von Künstlern wird nicht selten auf deren besondere virtus und dabei auf ein vermeintlich kongruentes Verhältnis zwischen der moralisch beispielhaften Lebensführung und den ebenso vorbildlichen Werken verwiesen. Dabei kann das herausragende Kunstwerk an die Stelle der Heldentat treten. In ihm manifestiert sich die jeweils spezifische künstlerische virtus, die auch in den biographischen Schilderungen von Leben und Werk eines Künstlers gezielt in den Blick genommen wird. Die künstlerische virtus wird so mit der heroischen virtus parallelisiert und in ihrer Bedeutung jener angeglichen. Dadurch werden herausragende Künstler, die exzeptionelle Leistungen vollbringen, mit Helden vergleichbar und eine Kanonbildung in der Art der uomini illustri möglich.


Doch ebenso wie ein tugendhaftes Leben und Werk eignen sich offensichtlich auch der innere Leidenskampf des Michelangelo, der häufig mit sich selbst und seinen Auftraggebern rang, sowie die ihm zugesprochenen titanischen Eigenschaften zum Heldenstatus oder zur apotheotischen Verklärung (siehe den Beitrag von Hans W. Hubert). Auch Peter Paul Rubens kann zu den ›Kämpfern‹ unter den Künstlern gezählt werden: Als malender Friedensdiplomat wurde er mit Topoi der Herrscherpanegyrik als Bezwinger von Krieg und Gewalt bildlich heroisiert – so in einem Gemälde von Luca Giordano (siehe den Beitrag von Ulrich Heinen). Rubens’ virtus wird dabei mit Eigenschaften des Kriegshelden vermittelt. Damit überführt Giordano die ›soziale‹ Person des Künstlers sowie seine diplomatische Malerei in eine Rezeptionsform, in der sowohl künstlerische Nachfolge als auch kämpferische Heroisierung sichtbar werden.


Häufig wird der Habitus des Künstlers zur heroischen Konstruktion genutzt. So können seine Prätention, seine Kleidung, seine sprachlichen Äußerungen oder sein Lebensstil ebenso wie sein Verhältnis zu Herrschern und das Führen der künstlerischen Werkstatt bzw. des Ateliers bei oft unterschiedlicher Konnotation eine Rolle spielen. Leonardos Auftreten als Hofmann oder Raffaels grazia und Habitus des cortegiano scheint zwar zunächst nichts Heroisches anzuhaften. Doch gerade der Blick auf einen Künstler wie Raffael, der in seinem Leben eher ›unheroisch‹ agierte, über die Jahrhunderte hindurch aber kontinuierlich den höchsten Status als künstlerisches Vorbild einnahm, hilft dabei, die Formen und Bedingungen des Heldischen zu fassen (siehe dazu den Beitrag von Andreas Henning).


Eine weitere Eigenschaft, die den Künstler mit dem Helden verbindet, ist das Charisma. Auffällig oft werden gerade die herausragenden Künstler der Frühen Neuzeit in kunstliterarischen Texten durch ihre grazia oder terribilità charakterisiert, wobei diese Eigenschaften gleichermaßen ihren Werken wie ihrer Persönlichkeit zugeschrieben werden. Beide – gleichwohl höchst unterschiedliche – Eigenschaften bilden Ausgangspunkte für die besondere Ausstrahlung, das Charisma des Künstlers: Gemäß des im Neuen Testament bei Paulus verwendeten Begriffs bezeichnet das Charisma die Gnadengaben, also verschiedene von Gott dem Menschen verliehene Talente, die sich im Begriff der grazia (»Gnade«) vereinen.


In der reichen Gefolgschaft des exzeptionellen Künstlers spiegeln sich schließlich jene Prozesse der Charismatisierung, die Max Weber aus Sicht der Soziologie für den Personenkult beschreibt. Auch Joseph Beuys’ Selbstmythisierung als Zauberer und Schamane rekurriert auf diese charismatische Kraft (siehe dazu den Beitrag von Barbara Lange).

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